Loslassen ist der Liebe Leid
Der dreifache Trauerweg bezogen auf den Umgang mit Kindern
Prof. Dr. Franco Rest, Dortmund
Vortrag am 26. 9. 2003, Kinderhospiz Baltasar, Olpe

Einführung in die Thematik

Trauer ist ein Einschnitt wie der Tod eines anderen oder wie eigene schwere Krankheit. Beim Versuch, auf der Suche nach der Trauer diese Wandlungen, diese Prozesse, diese Kehrtwendungen aufzuspüren, zu durchleben und ihnen Ausdruck zu verleihen, erleben wir uns selbst in neuem Licht. Vielleicht ereignet sich etwas, das dazu führt, daß wir versuchen, von heute zu morgen plötzlich ein anderer zu sein, als wir bislang waren.
Wenn Menschen eine Lebenswende erleben, so erkennen sie dies, sobald die Wende abgeschlossen ist. Denn dann stellen sie fest, daß jetzt alles anders ist als vorher; sie können das Ereignis lokalisieren, den Standort bestimmen, von dem die Wende ihren Ausgang nahm; und sie können den Augenblick bestimmen, den „fruchtbaren Moment“, den „Kairos“. Diesen Namen „Kairos“ trägt ein griechischer Gott, der vorne an der Stirn einen Büschel Haare hat, während er hinten eine Glatze zeigt. Soll heißen: Man muß den „Kairos“, den richtigen Augenblick „beim Schopfe fassen“, wenn man seiner ansichtig wird; ist er einmal an uns vorüber geeilt, bekommen wir ihn nicht mehr zu fassen, weil er hinten keine Haare hat.
Sigrid Zeevaert hat in ihrem Buch „Max, mein Bruder“ diesen Trauerweg beschrieben. Es geht um ihren Zwillingsbruder Max, der sie immer ärgert, wenn er sie „Specki“ nennt. Als Max ernsthaft krank wird, ändert sich das Leben der Zwillinge, ihrer Eltern und der Geschwister; alle müssen lernen mit der Krankheit umzugehen und beständig, aber langsam loszulassen. Die Schwester zieht zu ihrem Bruder ins Zimmer und berichtet ihm von dem Leben draußen bis das Sterben, der Tod und schließlich das Abschied nehmen überhand nehmen. - Erlauben Sie mir, begleitend zu meinen Ausführungen, Ihnen aus diesem Buch einige Stellen vorzulesen.


Krankheit und Sterben als Chance

Krankheiten, und besonders solche, die den Tod bereits in sich tragen, enthalten große Chancen, einen Beitrag zu leisten, daß daraus eine Lebenswendung, eine Kehrtwendung vielleicht wird. Der Apfelkern enthält bereits mit der Bitterkeit des Augenblicks die Süße vieler Äpfel und mit diesen auch die Süße der Erfüllung.
Max musste jetzt oft ins Krankenhaus. Dort wurde er angestrahlt. Die Gewächse in den Knochen sollten davon zerstört werden. Ich konnte mir das nicht recht vorstellen. Warum schnitt man sie nicht einfach heraus? Papa hatte gesagt, dass das nicht mehr ginge, weil sich alles schon im ganzen Körper verteilt hatte. Aber ich verstand das trotzdem nicht. Die Ableger konnte man doch direkt mit herausschneiden. (46)
Ein Begreifen des Unausweichlichen kann plötzlich erfolgen, aber auch allmählich steigernd, kann den jeweils einzelnen Menschen betreffen, aber auch sein soziales System, kann willentlich, mit Kraft und Energie vollzogen werden, oder auch gegen bzw. ohne unseren Willen über uns kommen, kann von uns erobert und erarbeitet werden, aber uns auch unverdientermaßen gewissermaßen geschenkweise erreichen. Beim Begreifen des Unausweichlichen geschieht etwas mit uns, kommt etwas über uns, wird uns etwas angetan, aber zugleich tun wir selbst auch etwas mit uns; wir machen uns dies alles zu eigen, was uns da begegnete; wir nehmen sogar den Apfelkern oder eine Kastanie, eine Birne, eine Wallnuß mit ins Grab, die dann vielleicht erblühen wie zu neuem Leben.
Wir könnten uns ja damit begnügen, festzustellen, daß uns die Krankheit etwas antut, daß wir ihr gegenüber ohnmächtig sind, passiv, ihr ausgeliefert. Aber wir könnten das uns angetane Leiden vielleicht in persönliches Leid, die Verluste der Gesundheit, Verluste von geliebten Menschen, Verluste der Beweglichkeit usw. in Trennungen verwandeln, die aus der Krankheit resultierende Vereinsamung in Einsamkeit und die vielen Ängste, die mit dem Schlüsselereignis, vielleicht mit der tödlichen Krankheit zusammenhängen, in die eine furchtbare Angst verwandeln, die uns zu einer ungewöhnlich starken Lebensenergie würde. Die Trauer, jene wirkliche Schwerstarbeit ("Maloche") beim Abschiednehmen, kann über die Zeit hinweg zu einer Kraft werden, welche die Kraftlosigkeit überwinden hilft. Und von dieser Kraft könnte dann wieder gegeben werden an jenen, der da keine Kraft oder doch keine Kraft mehr hat. "Könnte", sagte ich. Das ist ein Konjunktiv, eine zunächst nur theoretische Möglichkeit, ein "Eventualis", der nur bei Erfüllung vielfältiger Bedingungen zum "Realis" würde.
Mama nahm mich in den Arm. „Jo!“ Sie strich mir übers Haar. „Max hat eine Bettlungenentzündung. Er wird die Nacht vielleicht nicht überleben.“ Mama hielt mich immer noch im Arm. „Möchtest du zu ihm gehen?“ Ich nickte.......Mama sah mich an, und wir wußten alle, Max würde sterben. (84-85)
Sterbebegleitung ist Dasein, Hinhören, Zuhören, Anwesend-Sein, Standhalten, Nicht-Weglaufen. Hospizliche Sterbebegleitung ist die Bereitschaft, Menschen endlich sterben zu lassen, wenn sie denn das Sterben als ihr Lebensprogramm begreifen, ihnen einen ungestörten Tod zu erlauben, auf den Kampf um das Leben dann ausdrücklich zu verzichten, dem Leben Sättigung anzubieten, den Sterbenden in die Gemeinschaft der Lebenden zu integrieren, seine - wenngleich vielleicht veränderte - Persönlichkeit zu wahren, seiner Biographie Gerechtigkeit angedeihen zu lassen, ihn nicht allein zu lassen, auch wenn sein Weg ja sicher ein einsamer sein wird, den niemand mitgeht, seine Schmerzen und die Sterbensumstände zu mildern, die familiäre Geborgenheit möglichst zu sichern, ihn zu wärmen und mit der Wahrheit seines Weges zu umgeben. Eine solche Sterbebegleitung ist übrigens überall möglich, wo gestorben wird, wenn denn nur eine entsprechende Besinnung bei den Begleitpersonen eingesetzt hätte: im Krankenhaus, in der Intensivstation, im Pflegeheim, im Wohnheim, im eigenen Zuhause der Menschen, auf der Straße bei Unfällen, sogar bei Katastrophen, selbstverständlich auch in der stationären oder ambulanten Hospizbegleitung.
Mama nahm seine Hand und sprach mit ihm. Ganz ruhig. Max öffnete seine Augen. Er sah uns an und weinte, ganz kurz nur. Sein Abschied. Papa stand neben mir, und ich glaube, er weinte auch Mir war als würden wir größer werden. Max, Mama, Papa und ich. Mama sprach mit Max. Die ganze Zeit. Mit einem Tüchlein kühlte sie seine Stirn. Max lag ganz ruhig.... „Du wirst schön und lange schlafen“, sagte Mama und streichelte sein Gesicht. „Du wirst es wunderbar haben.“ Tränen liefen über ihre Wangen. Sie gab Max ein Küsschen. Es war von uns allen. Das Zimmer war blau wie das Meer, das Meer in das wir eintauchten. Nichts konnte uns passieren. Max nahm uns mit. Ein kleines Stückchen. Das Meer, tief und blau, wir waren zusammen. Max atmete nicht mehr, so, als hätte er es vergessen.....Und dann war es still. Ganz still. (85)
Das Eindrucksvolle dieser Schilderung ist die Hineinnahme der Zwillingsschwester in den Sterbeprozess ihres Bruders. Sie geht diesen Weg mit; sie vollzieht den Abschied, die Trennung; sie läßt ihren inneren Bildern freien Lauf. Und die Eltern gehen mit ihr diesen Weg; sie gehen ihn nicht jeder allein, sondern gemeinsam. Sie sprechen mit dem sterbenden Kind und das Geschwisterkind hört zu. Die Tränen, die die Eltern vergießen, vergießen sie für den Sohn und die Tochter zugleich. Das Küsschen, das die Mutter zum Abschied gibt, gibt sie für alle zusammen; also ist auch das Geschwisterkind in den Kuss einbezogen.

Kinder lassen nicht gleichförmig los

Selbstverständlich gibt es keine Gesetzmäßigkeiten in der Sterbe- und Todeserfahrung unserer Kinder. All unsere Feststellungen sind abhängig von und einzuordnen in unser Wissen um die Unterschiedlichkeit des kindlichen Erlebens vor allem in den verschiedenen Altersstufen. Dazu gibt es zahlreiche Modelle und Überlegungen. Im Wesentlichen läßt sich jedoch Folgendes feststellen.
Im Alter bis zum dritten Lebensjahr sind die Kinder in ein „zirkuläres“ Zeitverstehen eingebettet: Für sie ist Leben gleichzusetzen mit Bewegung. Stillstand von Bewegung ist jedoch immer nur vorläufig. Gleiches gilt deshalb auch für die Unbewegtheit des Toten und für den Vorgang des Sterbens als das Einsetzen vorläufiger Unbewegtheit.
Vom dritten bis fünften Lebensjahr beginnen die Kinder nach den Ursachen von allem zu fragen, also auch nach den Ursachen von Sterben und Tod. Zugleich beeindruckt sie die Möglichkeit einer Personifizierung des Todes wie in den Märchen (z.B. „Gevatter Tod“). Außerdem wird das Erleben individueller; also beeindrucken vorläufige und auch dauernde Trennungen nachhaltiger. So entstehen Trennungsängste, da das mögliche Getrenntsein auf die eigene Person bezogen wird. Da aber der zirkuläre Zeitbegriff weiter anhält, stellen sich die Kinder erste Fragen nach veränderten Formen eines Weiterlebens nach dem Tod.
Die jüngeren Geschwister der Zwillingsschwester „Jo“ gehen anders an den Tod ihres Bruders heran, einmal weil die Eltern sie nicht hinzugezogen haben beim Sterbeprozess selbst, andererseits, weil sie sich noch schwer tun mit dem „Verstehen“. Sie standen vor Max und sagten nichts. Christina wollte auf Papas Arm. „Tut es denn weh, wenn man stirbt?“ Veronika sah Mama ängstlich an. „Manchmal tut das sicherlich weh.“ Mama hockte sich neben Veronika. „Aber das ist bestimmt nicht immer so. Und bei Max...“ Mama schluckte. „Max hat es bestimmt nicht wehgetan.“ „Habt ihr es denn gesehen?“ Veronika sah uns an. „Wir waren bei ihm, sagte Papa. „Und jetzt, jetzt tut ihm gar nichts mehr weh. Siehst du, er lächelt sogar ein bisschen.“ (87)
Im fünften bis sechsten Lebensjahr verschärft sich die Besinnung durch die Erfahrung möglicher Unvermeidlichkeit von Tod, ohne daß damit zugleich auch bereits ein Verstehen von der „erwachsenen Endgültigkeit“ verbunden wäre. Ein unvermeidlicher Tod läßt das Ende noch offen. Wenn der Bruder oder die Schwester sterben „mußte“, weil die Krankheit oder der Unfall so nachdrücklich waren, bestehen durchaus noch Chancen der Wiedergutmachung und Aussöhnung mit der Tatsache des Unvermeidlichen. Aber nun beginnt die Erwachsenenwelt auf den Zeitbegriff der Kinder Einfluß zu nehmen (spätestens mit der Einschulung). Vergangenheit soll nun für immer vorbei sein; Zukunft hat es angeblich noch nie gegeben. Der Rhythmus von Kommen und Gehen, Werden und Vergehen, Leben und Sterben verliert seine Gleichmäßigkeit. Jetzt beginnen Kinder Angst über das eigene und fremde Nicht-Mehr-Sein zu entwickeln.
Zwischen dem sechsten und achten Lebensjahr nähert sich die Vorstellung der Kinder jener der Erwachsenen an. Entscheidend dafür ist der Begriff bzw. das „Begreifen“ der Endgültigkeit des Todes. Das geht nicht ohne Widerspruch und ohne Protest, zumal die Erwachsenen keinen „Beweis“ für die Endgültigkeit liefern können. Eine vage Hilfe kommt durch die Rede von der „Unsterblichkeit“ der Seele; aber auch sie bleibt ungenau und undifferenziert. Die Kinder durchschauen das; und nun beginnt die Trauer über das eigene vielleicht nicht oder nicht intensiv genug gelebte Leben. Mit der Erwachsenenvorstellung von der Endgültigkeit gibt es keine Versöhnung mehr.
In seinem Gesicht ein kleines Lächeln. Papa legte Max' Hände auf den Bauch zusammen. Ich half Mama dabei, Max sauberzumachen. Er hatte noch mal gemacht. Sein Kinn stützten wir mit einem Tuch ab, weil die Muskeln nicht mehr funktionierten. In Max' Gesicht das Lächeln.... Ich streichelt Max über sein Lächeln. Ruhig und erschöpft legten wir uns schließlich schlafen. (86)

Der dreifache Trauerweg

Es gibt nun einen vielschichtigen Zusammenhang und fließenden Übergang, zwischen Sterbebegleitung und Trauerhilfe. Die Haltung und das jeweilige Handeln der Begleiterinnen und Begleiter, welche bei Sterbenden und Trauernden tätig sind, werden geprägt von dem unmittelbaren Erleben der schweren Krankheit, des Sterbens und der Trauer einerseits, aber auch von den vielfältigen Vorerfahrungen sowohl dieser BegleiterInnen als auch der Betroffenen selbst. Dabei ist es gleichgültig, ob es sich bei den BegleiterInnen um Personen des bürgerschaftlichen Engagements (Ehrenamts) oder um Professionelle (SeelsorgerInnen, Pflegekräfte, Ärzte Sozialarbeiter usw.) oder um Eltern oder um Geschwister handelt. Trauer wird zumeist ausschließlich als ein nach Eintritt eines Verlustes bzw. einer Trennung eintretender Prozess verstanden; viel seltener wird auch die Begleitung des Sterbens selbst von der Seite der Trauer her besonnen; und noch seltener erscheinen Sterbebegleitung und Trauerarbeit als ein ineinander verwobener psycho-sozio-somato-spiritueller Prozess.
Wir unterscheiden nun zwischen einer vorauseilenden, einer begleitenden und einer nachgehenden Trauer. Unter vorauseilender Trauer verstehen wir vor allem die Auseinandersetzung mit Sterben, Tod, Verlusten, Liebe und ihren Enttäuschungen, Trennungen, Abschied usw. von der vorgeburtlichen Zeit bis weit nach dem Tod. Diese vorauseilende Trauer leistet jeder jetzt, indem er sich mit Fragen des Sterbens, des Todes und möglicher Trennungen auseinandersetzt. Das hier Gelernte nimmt jeder mit in seine schließlich eines Tages einem Verlust nachgehende Trauer. Und da jeder Mensch etwas anderes mitbringt, gibt es keine Regeln. Aber wer eben nichts mitbringt, darf sich nicht wundern, wie hilflos er dann der Situation gegenüber steht, und wie wenig vielleicht das Erlebte mit ihm zu tun haben kann. Das gilt für die Trauer ebenso wie für das eigene Sterben. Wer keine Trauerformen und -Fähigkeiten mitbringt, wenn er eines Tages wird trauern müssen, wird sicher arge Probleme haben. Deshalb sind z.B. Streitigkeiten in der Familie durchaus wichtig; die ausschließlich in Harmonie verweilende Familie hat zu gegebener Zeit Probleme. Im kleinen, harmlosen Streit und Zank üben wir Abschied, üben wir Loslassen.
Als künftig irgendwann einmal Trauernde müssen wir das abschiedliche Leben gelernt haben, sollten wissen und realisieren, daß das Leben nicht im Hierbleiben, sondern im Aufbrechen besteht. Jeder Trauernde ist insofern zugleich ein Sterbender, und jeder Sterbende ist zugleich ein Trauernder, denn in einer gewissen Vorleistung bringen sie ihre Bilder, Vorstellungen, Erwartungen, ihre Sprachmuster, Erinnerungen, Eigen-Riten usw. mit.
Begleitende Trauer ist gegenüber dieser vorauseilenden Trauer eigentlich mit dem Sterbebeistand identisch; denn in der Begleitung komme ich ohne Trauer nicht aus. Und der Sterbende selbst erlebt sich als ein Abschiednehmender, ein Trauernder. Seine Trauer, die in der Begleitung mit meiner Trauer zusammenfließt, bilden eine Einheit und wirken aufeinander ein. Die Trauer des Sterbenden prägt mein Trauerwerk mit. Die Trauer zusammen mit dem "Objekt" der Trauer ist ein Beitrag zur Gestaltung der nachgehenden Trauer. Wenn die Partner in der Sterbebegleitung erfahren dürfen, daß schließlich „nichts mehr zwischen ihnen war“, wie es eine Ehepartnerin ausdrückte, so ist das Ergebnis ein völlig anderes neues Weltkonzept des Hinterbliebenen, als wenn die nachgehende Trauer davon gekennzeichnet ist, daß Vieles unaufgearbeitet und unerledigt liegen geblieben war.
Max schenkte während seines Sterbens seiner jüngeren Schwester sein Stofftier, einen Hund, den Veronika nun regelmäßig an der Leine ausführen musste. „Max! Bist du manchmal traurig, weil du krank bist?“ Er sah zur Decke. „Ja. Irgendwie schon“, sagte er schließlich. „Natürlich. Ich würde schon lieber rumrennen können wie du. So ganz normal. Aber ich bin eben krank.“ Er sah mich ernst an. „Es wird bald besser, Jo. Ganz bestimmt!“ „Darf ich zu dir unter die Decke kriechen, Max?“ Er hielt die Decke hoch, ich kroch ins Bett. „Jetzt bin ich einfach auch ein bisschen krank, ja?“ Wir lachten. „Und wenn Mama gleich kommt, muss sie direkt eine Portion Krankheitsessen mehr machen.“ Max strahlte. (80-81)
In der Begleitung ist der Sterbende, also auch ein sterbendes Kind, selbst ein Trauernder; es muß Abschied nehmen, muß sich trennen von Geliebtem. Je intensiver wir diesen Prozeß mitgehen, desto leichter wird uns das Nachgehen, sobald der Tod dann wirklich eingetreten ist. Wenn sich die Sterbenden und die Hinterbliebenen gemeinsam verabschieden, gemeinsam die Lücke suchen, die der Gehende hinterläßt, wenn sie gemeinsam trauern lernten und dann auch „konnten“, wird das Loch nicht so tief sein, in das der Hinterbliebene fallen wird oder fallen könnte.
Aber hier muß auch sofort betont werden, daß die Begleitung und die Trauerhilfe nur in möglichst seltenen Fällen in derselben Hand liegen können. Sterbebegleiter, besonders z.B. bei Kindern, sind am Ende eines Sterbeprozesses selbst Trauernde; sie können deshalb eigentlich nur schwer zu Trauerbegleitern für die Hinterbliebenen werden. Selbst-Trauernde sind für die Trauerbegleitung bei Anderen sehr häufig ungeeignet; sie müssen sich diese ihre „Hilflosigkeit“ eingestehen, um in deren Prozeß einbezogen werden zu können.

Vorauseilen als Bedingung des Nachgehens - Nachgehen als Wegbereitung für
das Vorauseilen

Jeder von uns kann vorauseilend trauern indem er sich der Begleitung Stebender stellt. Und indem er begleitet, bereitet er seine Trauer und die Trauer des Sterbenden vor. Loslassen ist der Liebe Leid, lernen wir; indem wir das Loslassen in der Gegenseitigkeit üben, praktizieren, üben und praktizieren wir die Liebe in neuer Form. Gespräche mit Sterbenden sind Gespräche der Trauer. Wenn ein Mensch die Hand eines Menschen hält, hält ein Trauernder die Hand eines Trauernden. Wer einem Menschen das Essen reicht, der nicht mehr selbständig essen kann, der trauert mit dem Beeinträchtigten. Wer einem Sterbenden ein Lied vorsingt, singt ein Trauerlied, selbst wenn es ein Wanderlied oder „Gute-Nacht-Lied“ wäre. Aber auch wer einem Sterbenden einen Witz erzählt, wer mit einem Schwerkranken ein lustig ist, wer seine Wut über die vielen Unzulänglichkeiten in der medizinischen Versorgung zeigt, wer da protestiert dagegen, daß der Tod nun begonnen hat, nach einem geliebten Menschen zu greifen, der trauert. Denn Trauer ist ja nicht unbedingt nur die durchlebte Bittermine, sondern auch Lachen, Singen, Tanzen, Malen, Spaßhaben usw.
Bei der nachgehenden Trauer gibt es dann eigentlich zwei Phasen: die Zeit der aktuellen, unmittelbaren Betroffenheit und die Zeit der Nacharbeitung. Die erste Phase beginnt also direkt nach dem Eintritt eines Trauerereignisses, eines Verlustes. Unmittelbar nach dem Verlust wird dieser mit Schock, Not, Leid, Desorganisation usw. beantwortet; hier sind oft andere Hilfen erforderlich als bei der zweiten Phase, der Reorganisation. Diese erste Zeit der unmittelbaren Betroffenheit kann unterschiedlich lang dauern, dürfte sich jedoch möglichst nicht verhärten. Wenn wir Begleiter spüren, daß sie „da nichts mehr bewegt“, daß der Mensch also keine Fortschritte zu machen scheint, suchen wir nach fachlicher Hilfe, die der Freund, der Ehrenamtliche, der frühere Sterbebegleiter nicht leisten kann.
Die zweite Phase der nachgehenden Trauer kann vielleicht ein ganzes Leben dauern. Manchmal ist es sogar nicht wünschenswert, daß sie ein Ende nimmt. Wir Deutschen dürfen z.B. nicht aufhören zu trauern über das, was in unserem Namen geschehen ist. Lebenslanges Nachtrauern dauert also von der Wiedererlangung eines neuen Weltkonzeptes an das ganze weitere Leben lang und wird so zu einem Teil erneuerter vorauseilender Trauer für das nächste Ereignis, bei dem wir unsere Trauerenergien wieder benötigen werden.

Verlust und Trennung

„Verluste“ sind wie „Leiden“ schmerzlich, denn sie wurden uns angetan; sie sind eine große Bedrohung unserer seelischen Gesundheit und können in Trauerreaktionen oftmals kaum bewältigt werden. Demgegenüber können Trennungen vielleicht den letzten, entscheidenden Lernprozeß des Sterbens vorbereiten. Gelänge es uns, die Leiden an den Verlusten unserer Kinder in leidvolle Trennung zu verwandeln, welche die Kinder für sich, selbst vollzögen, so erwüchse daraus ein neuer Lebensimpuls. Es sei nur daran erinnert, was viele Menschen auf dem Weg zum Sterben alles verlieren: Max z.B. verliert seine Schulkameraden, die Möglichkeit zu spielen und heimlich in der Nacht Liebespaare zu belauschen, auf Bäume zu klettern und zu essen, was einfach nur lecker schmeckt. Eine vorauseilende Trennung von den Dingen, den Geschwistern, der Welt, dem Leben, bleibt für ihn und seine Freunde ein Leid, - aber es ist eben nicht destruktiv, nicht vernichtend für den sozialen Organismus. Wie sagten doch die Dichter: Liebe ist Lassen-Können; die Trennung ist der Liebe Leid.
„Jo!“ begann Max schließlich wieder. „Erinmnerst du dich an die Muschel? Ich meine die ganz große, die ich in Frankreich gefunden habe.“ Natürlich erinnertse ich mich an diese Muschel! Max hatte sie in seinen Schrank gelegt, weil er Angst hatte, das Rauschen darin könnte wenigerw erden, wenn er sie offen liegen ließ. Und nie hatte ich mich getraut, sie mir zu nehmen und hineinzuhören. „Willst du sie haben, Jo?“ Ich? „Ja aber...“ Ich stockte. „Aber du findest sie doch selber schön. Und schließlich hast du sie doch gefunden!“ Ich war etwas durcheinander. Ich will sie dir schenken. Ganz ehrlich!“ flüsterte Max. „Ja aber...“ Uch wußte nichts mehr zu sagen. „Nimm sie dir morgen aus dem Schrank, ja?“ sagte Max. „Aber du verlierst sie nicht, oder?“ „Was denkst du denn?“ Fast war ich beleidigt. „Nein, natürlich verlierst du sie nicht“, beschwichtigte mich Max. „Ich dachte ja nur. Es ist eine so schöne Muschel.“ Wir schwiegen. „Max!“ „Ja?“ „Dankeschön!“ Es war wieder still. (72-73)


Vorauseilende Trennung als Lernprozess

Wir alle könnten an solch vorauseilenden Trauer mitwirken, indem wir unsere Trauerbausteine im Lebenslauf verstärken. Selbst in ganz jungen Jahren „satt werden an Leben“ - das wäre ein wunderbares Ziel auf dem Weg zum Tod. Zur Nahrung, die zur Lebenssättigung führt, gehört das alltägliche Trauererlebnis, die Verlust- und Trennungserfahrung. Abschied hat ja etwas mit „scheiden“ und „schneiden“ zu tun. Es gerät etwas, was vorher verbunden war, auseinander. Abschied gibt es wie „Leid“ nur in der Einzahl; denn der Abschied ist unzählbar und insofern wird er zu einem Teil von uns. Aber das ist nur möglich, wenn es gelungen ist, die erlebten Verluste in Trennungen zu verwandeln. Es ist eben ein Unterschied, ob wir einen Menschen verlieren oder von ihm Abschied genommen haben, so daß wir uns von ihm trennen durften. Trennung ist lernbar, ist Arbeit und damit Leben. Wir unterscheiden deshalb z.B. den Partnerverlust von der Partnertrennung auch dann, wenn der damit verbundene Abschied durch den Tod geschah. Und das gilt für den Vorgang eines durch Krankheit verursachten Sterbens genau so wie für eine Selbsttötung, eine Todgeburt oder einen Unfall. Partnerverlust beendet Leben in mir. Partnertrennung aber - vorübergehend oder auch dauernd, durch Tod oder durch Scheidung - kann zum Impuls oder Beginn neuen Lebens werden. Haben wir miteinander sprechen können, was es bedeutet, ohne Dich zu sein? Haben wir die Lücke miteinander oder alleine entdeckt, die Dein Fehlen setzt? Vom Partner, auch von unseren kranken Kindern kommt Hilfe für unser Leben im Anschluß an die Trennung, bevor die Trennung Wirklichkeit wird.