Hasse deine Feinde – nicht

 

Drei Prinzipien für die Wiederherstellung des Friedens

 

Prof. Dr. Franco Rest, University of applied sciences, Dortmund

 

Nach den "Terrorakten" in New-York, Washington, aber auch Jerusalem, Jericho, Libanon, Belgrad, Kashmir, Philippinen, Ost-Timor, Indonesien, Nord-Irland usw. stehen sich zwei Reaktionsströme gegenüber: Vergeltung als Voraussetzung zur Herstellung von Gerechtigkeit; Verzicht auf Vergeltung wegen der Gefahr des Weltenbrandes einerseits und andererseits wegen der Wahrscheinlichkeit, daß der Angreifende gerade solche Eskalation gewollt hat, und also durch die Vergeltung genau darin Recht behält, worin er die Ungerechtigkeit begründet fand. Vielleicht gibt es noch einen dritten Weg, beschwerlich, mühevoll, aber nicht von der Ohnmacht, sondern von der Vollmacht des aktiv Handelnden bestimmt. Nicht das Reagieren auf das Reagieren auf das Reagieren... bringt uns den Frieden und die Gerechtigkeit, sondern das Agieren für den Frieden und die Gerechtigkeit. Dafür gibt es eine Reihe bewährter Prinzipien, von denen hier drei genannt seien.

Zugegeben, der darin verborgene Anspruch ist schwer zu erfüllen, zumal in einer Zeit und Situation, die von Emotionen und also auch von Hass geprägt und verunstaltet ist. Trotzdem könnten wir es mit diesen Grundsätzen einmal versuchen.

Das Gegenüber so verstehen, wie er sich selbst versteht. Wissen wir tatsächlich vom potentiellen Feind genug, um zu wissen, wie er denkt? Oder denken wir nur, dass er so ist und sein muß, wie wir denken, dass er ist? Wenn wir ernsthaft versuchen würden, das Gegenüber zu verstehen, so müßten wir diesen Menschen erlauben, sich uns gegenüber selbst zu definieren. Was werden die Terroristen über sich selbst sagen, wer sie sind, wenn wir ihnen erlaubten, sich uns gegenüber selbst zu definieren? Wie würden sich die Staatsterroristen gleich welcher Couleur selbst definieren, wenn ihr Gegenüber ihnen ein ungestörtes Zuhören versprechen würde? Wer da hasst, kennt das Objekt seines Hasses nur in den Bildern und Geschichten seines Hasses, also sicher nicht so, wie dieses Gegenüber sich selbst verstanden wissen möchte. Wenn wir den Anderen so verstehen könnten, wie er sich selbst verstanden wissen möchte, wäre das Problem zwischen uns zwar noch nicht gelöst, aber wir hätten einen Ansatz, das Problem zu benennen. – Geben wir unseren potentiellen Feinden Gelegenheiten, sich uns auf eine Weise verständlich zu machen, die der Entstehung von Feindschaft vorbeugt!

Den asymmetrischen Feind zum symmetrischen Partner im Konflikt erheben. Vor vielen Jahren wurde bereits dieses Gesetz von Johann Galtung aufgestellt. Konflikte sind zu oft davon geprägt, dass die "Konfliktpartner" (welch wunderbares Wort) nicht gleich stark sind, sondern immer einer dominiert. Der schwächere Partner greift zu Mitteln der Gewalt, um diesen Konflikt zu "symmetrisieren", das heißt, um die eigene Position anzuheben, bis sich Gleich und Gleich im Konflikt "gesellen" können. Wer zur persönlichen, direkten Gewalt greift, gibt damit zu erkennen, daß er sich schwach erlebt: schwach durch Schwächungen, die von dem Anderen ausgegangen sind (sein könnten), schwach durch die Kränkung, die mir angetan wurde usw. Es gibt Möglichkeiten, die Symmetrie auf andere Weise als mit persönlicher Gewalt herzustellen, z.B. durch verpflichtende Solidarität mit dem Schwachen, durch strukturelle, rechtliche, wirtschaftliche Vorteile, die dem Schwachen eingeräumt werden. Die großen Religionen dieser Welt waren sich beispielsweise in ihren Grundquellen einmal einig im Verbot der "Zinswirtschaft"; lediglich am Erfolg, den der Schwächere durch geliehenes Geld erwirtschaftet, dürfte eigentlich partizipiert werden, nicht jedoch darf seine Schwäche durch Zins und Zinseszins ausgenutzt werden. – Schaffen wir gleiche Voraussetzungen zwischen uns und unseren potentiellen Feinden; denn symmetrische Konflikte lassen sich auch ohne direkte Gewalt lösen!

Mit dem Feind zusammen klären, was er braucht, um nicht mehr mein Feind zu sein. "Tuet Gutes denen, die euch hassen", heißt es (nicht vielleicht wörtlich, aber inhaltlich vergleichbar) in den drei großen Ein-Gott-Religionen, Christentum, Judentum und Islam. Erkläre mir, lieber potentieller Feind, was du Gutes von mir erwartest, damit du nicht mehr mein Feind sein müßtest! Während des Golfkrieges tauchte beispielsweise die Idee auf, zwischen dem Gaza-Streifen und dem Westjordanland einen ca. 40 km langen Damm mit mehreren Brücken zu bauen, auf dem eine Autobahn- und eine Eisenbahntrasse liegen; unter den Brücken bliebe das israelitische Land miteinander verbunden, aber über dem Damm verläuft ein Austausch zwischen den beiden autonomen Gebieten Palästinas. Man mag den Plan für schwer realisierbar halten; aber schon der gemeinsame Plan zur Klärung der offenen Fragen für eine solche Realisierung würde die Aufmerksamkeit von der wechselseitigen Blutrache entfernen. – Gebt dem potentiellen Feind, was er von uns Gutes braucht, damit er sich nicht mehr meint, als unser Feind verstehen zu müssen!

Die drei vorgenannten Impulse sind nicht als Besserwisserei zu verstehen, allenfalls als Mahnung im Vorfeld jeglicher Form von "Rache". Wie würden die oben genannten Konflikte aussehen, wie verlaufen, wenn mehr über diese Prinzipien nachgedacht würde (worden wäre)? Der Friede wird nicht billig zu haben sein, aber der Krieg wird die Beteiligten mindestens ebenso teuer zu stehen kommen. Der Krieg verändert das Denken und Fühlen der beteiligten Feinde vollständig. Wie wäre es, wenn wir unser Denken und Fühlen gänzlich durch den Frieden verändern ließen? In den Stunden, als die Zwillingstürme des World-Trade-Center zusammenstürzten, kamen in Chicago, Halle/Saale, Islamabad, Daressalam und Grossnyi (wie auch in anderen Städten) Zwillingskinder zur Welt. Vielleicht können die genannten Prinzipien dazu beitragen, daß sich diese Kinder eines Tages zu einem Stadtbummel in New York verabreden.

 

Dortmund, 23. September 2001